Wanderwoche auf Mallorca
vom 1. bis 8. Februar 2004
Tagebuch-Notizen und Impressionen
Mallorca - Insel mit vielen Gesichtern, so steht's in den Reiseprospekten oder Berichten über diese schöne und größte Balearen-Insel. Jährlich bereichern etwa 6,5 Millionen weitere erwartungsvolle Urlaubergesichter aller Couleur diese Fülle an Abwechslung, aus Deutschland machte es wieder einmal Neckermann mit einem proppenvollen Airbus von Thomas-Cook ab Stuttgart möglich am Sonntag, 1.2.2004 - 1. Reisetag.
23 Teilnehmer der Schwarzwaldvereins-Mallorca-Wandergruppe schwebten gegen 8.3o Uhr im Nebel mit Flug # 7586 über Palma ein und verkniffen sich ein ängstliches Erstaunen, als die Co-Pilotin gemäß Ansage ihres Chefs kurz vorm Durchstoßen der Wolkendecke nochmals durchstarten musste, weil man die Landebahn im Sichtflug wohl nicht so ganz getroffen hätte. Also war eine Ehrenrunde über Palma fällig, die hilfreichen Instrumente wurden wieder eingeschaltet und die Dame im Cockpit setzte uns sicher und wohlbehalten zur Zufriedenheit aller auf mallorquinischem Boden ab. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, ging uns durch den Sinn. AusChecken und Zubringer-Bus-Besteigen verliefen problemlos, und schon waren wir unterwegs auf der Straße nach Port de Soller. Der Hafen von Soller mit seinem fast kreisrunden Becken ist in die Ausläufer der nahen wunderschönen Berglandschaft der Serra de Tramuntana eingebettet, dem wahrhaft echten "Filetstückchen für Bergwanderer" auf der Insel Mallorca. Steil und schroff fallen die Küsten in das türkisblaue Meer ab und gewähren dem Wanderer atemberaubende Aussichten. Zum allgemeinen Entzücken trugen während der Busfahrt zum Hotel Suliar, was so viel wie Tal des Goldes heißt, die schaumweiß in der Morgensonne glänzenden unzähligen blühenden Mandelbäume bei. Am Zielort angekommen schwärmten wir bei herrlichem Sonnenschein in Richtung Hafen aus, um an Quai und Strand erste Eindrücke, Fotos und Cervezas bzw. Gaumenschmeichler zu fassen. Wir waren dort nicht allein, nein, die ansässige Gastronomie nutzt schon jetzt im frühen Jahr die Gelegenheit, bleichen sonnenhungrigen Wander-Nordlichtern den Rentner-Euro mit liebenswerter Mühe aus der Tasche zu ziehen! 1 Wurst mit Pommes auch um diese Jahreszeit 10 Euro. Eso es. Aber wenn du auf Reisen gehst, rechnest du ja schon so, dass das Budget abends trotz allem Nepp etwas für den fälligen Absacker an der Bar übrig hat. So war's und lustig dazu, denn das Gruppenklima stimmte.
Am 2.2. trafen wir uns um 9 Uhr mit der Wanderführerin Aina Maria, einer reizenden, kompetenten, Deutsch sprechenden Mallorquinerin, die uns im Laufe der folgenden Tage mit vielen Informationen über Kultur, Geschichte, Flora und Fauna ihrer Heimat versorgte und uns mit großer Sicherheit über die diversen Wanderwege und -steige geleitete. Es ging von Valldemossa aus durch immergrüne Steineichenwälder über steinige Köhlerpfade, auf denen früher Schneesammler und Kalkbrenner ihr karges Brot verdienten, hinauf auf den Reitweg des Erzherzogs Ludwig Salvator, einem der ersten Aussteiger aus dem österreichischen Adel des 19. Jh., dessen Buch über Mallorca in Wort und Bild 1878 dazu beitrug, den Balearenarchipel in Europa bekannt zu machen und die Entwicklung des Tourismus zu Anfang des 20. Jh. zu beschleunigen, alles freilich ohne einen Ahnungsschimmer von Jedermann, Neckermann, Ballermann ...
Bei schönster Frühlingssonne konnten wir einen großartigen Ausblick auf das Künstlerdorf Deia genießen, die frische Meeresbrise und -weite auf uns wirken lassen und unser Ziel, den Puig des Teix ( = Taxus, hier standen früher die von den Köhlern abgeholzten Eibenwälder) anvisieren mit dem höchsten Gipfel Mallorcas dahinter, dem Puig Major mit seinen Radarkuppeln, rechts daneben das Massiv des zweithöchsten Berges, des Puig Massanella, was soviel wie Kamille bedeutet. Nach der Mittagsrast stieg eine weiße Wolkendecke vom Meer auf und verdarb uns den Appetit auf den Teix-Gipfel, weil die Aussicht gleich Null gewesen wäre. Also ging es weiter bergab über die Ebene Pla dets Aritges mit einer typischen Garrigue-Vegetation, windgeformten Igelpolstern von Stechwinden, Balearen-Tragent, vergissmeinichtblau blühendem Rosmarin, Stechginster, Meerzwiebeln, Stinkenden Pastinaken. Entlang uralter Olivenbaumterrassen näherten wir uns am Nachmittag vorbei an wegelagernden Maultieren dem Ausgangsort Valldemossa, arab. Tal des Mossa, das in einem grünen, fruchtbaren Tal liegt, nach Palma der meistbesichtigte Ort Mallorcas. Das 1835 säkularisierte und umgebaute Kartäuserkloster diente im Winter 1838/39 Chopin und seiner Lebensgefährtin George Sand als Erholungsort. Jedoch ergab der verregnete Winter keine Besserung von Chopins Gesundheitszustand, sondern einige berühmte Kompositionen der Musikgeschichte, so z.B. das einzigartige Regentropfen-Präludium Nr. 15 in Des-Dur op. 28. Die darin stetig perlenden Wassertropfen in Verbindung mit der lieblichen Eingangsmelodie sowie den späteren unruhig drohenden Akkorden geben genau die Stimmung wieder, die wir vor der von Nebel umhüllten bereits geschlossenen Kartause vorfanden. Die vorzügliche Schokolade im Bistro gegenüber der lebensgroßen Chopin-Büste heiterte das ob der Witterung aufkommende Stimmungstief erheblich auf, wovon die Ortsheilige Santa Catalina Tomas noch profitierte, der wir anschließend einen Ehrenbesuch abstatteten mit der auf allen Hauswandkacheln enthalten katalanischen Bitte SANTA CATALINA THOMAS PREGAU PER NOSALTRES. Was sie dann wohl auch für uns tat.
Am 3.2. war eine Küstenwanderung über das Balitxtal zur Cala Tuent angesagt. Es ging zunächst von der Straße Soller-Pollenca am Mirador de Ses Barques eine kunstvoll restaurierte Trockenmauer-Serpentine hinauf zu den alten Gutshöfen Balitx de Dait = oberer, Balitx d'en Mitx = mittlerer, Balitx d'Abaix=unterer Hof, auf dem heute noch uralte arabische Olivebaumterrassen bewirtschaftet werden. Im Morgennebel erschien uns so manche Baumgestalt als phantastisches Ungeheuer, schnaubender Kampfstier, mächtiger Drache mit aufgerissenem Maul oder ineinander verschlungene Riesenboas. Mit dem ungeheuerlichen Aussehen, dem urtümlichen Wuchs und den grimmigen Erscheinungsformen dieser geheimnisvollen Bäume hat die Phantasie keine Mühe, sich in eine andere mystische Welt, z.B. ins arabische Mittelalter zu versetzen. Im unteren Balitx gab's eigenhändig von der Bäuerin gepressten frischen Orangensaft, später übernahm das der freundliche urige Partron Guillermo Oliver, er heißt fast wie seine Bäume, ist trotz seines ländlichen Erscheinungsbildes nicht von gestern und fängt, wenn's sein muss mit seinem Jeep,atemlos bergauf zurückhastende Brillensucher ein und führt sie der wartenden Wandergruppe wieder zu. Über einen guten Kopfsteinpfad erklimmen wir dann an leuchtenden Apfelsinenplantagen, Ginsterbüschen und blühendem Rosmarin vorbei den Pass Col de Biniamar, von dem aus wir bei herrlichem Meeres- und Küstenblick einem alten Schmugglerpfad entlang mächtiger Steilhänge bis hinunter zur Cala Tuent folgten, wo wir im Restaurant Es Vergeret von der Terrasse einen schönen Ausblick auf die Bucht und die umliegenden Berge genossen. Nach der verdienten Pause gings hinunter an den Kiesstrand, das Wasser ist hellblau bis türkis, kristallklar und lädt, wenn's nicht Februar wäre, zum Abtauchen ein. Wir haben widerstanden und uns abends mit einem Sangria-, Bier- oder Pina-Colada-Absackerle getröstet.

Am 4.2. erwartete uns der zweithöchste Gipfel Mallorcas, der Massanella, 1352 m. Wieder steigen wir über hervorragend gerichtete Wege auf, entlang Schneespeicherhäusern bis zum Coll d'es Prat. Es eröffneten sich überwältigende Panoramablicke über die schroffe Bergwelt der Serra de Tramuntana. Wir machten Rast am Fundament eines ehemaligen Köhlerplatzes. Im Westen erhebt sich das Massiv des Puig Major mit den Radaranlagen, an seinem Fuße leuchtet der Stausee Cuber. Am Col d'es Prat schieden sich die Geister. Die eine Hälfte der Gruppe musste dem zwingenden Gipfelruf ins steile Gelände über Stein und Geröll folgen, während sich der Rest eine ausgiebige sonnige Mittagsrast an einer Trockenmauer gönnt. Für die Aufsteiger wurde es nun hübsch heftig luftig, aber nicht lang, dann war die Pla da Neu mit den 2 Gipfeln erreicht, deren höchster Punkt durch eine eingelassene Betonröhre gekennzeichnet ist. Es folgt der obligate Eintrag ins Gipfelbuch, der versprochene Gesang und Jodler vom Kasermandl sowie der traumverlorene Rundblick eines jeden auf die herrliche Bergwelt Mallorcas. Beim Abstieg trafen die Gipfelstürmer wieder auf die Gruppe und man wanderten gemeinsam vom Pass dels Coloms an der Wasserleitung, die vom Cuber-Stausee nach Palma führt, zur Straße und zum wartenden Bus zurück.


Am 5.2. wanderten wir auf alten Schmugglerpfaden von Deia nach Port de Soller. Deia ist ein berühmter Künstlerort. Auf dem malerischen Friedhof besuchten wir das Grab des Schriftstellers Robert Ranke-Graves. Pablo Picasso weilte hier, Ava Gardner, Elton John, Michael Douglas ebenso. Das Fernseh-Hotel Paradies, d.h.das Luxushotel La Residencia Es Moli lag an unserem Weg, wurde aber übergangen,weil offensichtlich nichts los war. Durch leuchtende Orangen- und Zitronenhaine, an duftenden blühenden Mandel- und Mimosenbäumen vorbei stiegen wir guter Stimmung zur winzigen malerischen Bucht von Deia hinunter. Dann folgten wir bei strahlendem Sonnenschein einem schmalen Schmugglerpfad, der durch Aleppo-Kiefernwälder an schroff abfallenden sonnenüberschienenen Felsen vorbeiführte.Darunter das leuchtendblaue Mittelmeer! Und Kormorane. Bei der Mittagsrast erfuhren wir den Unterschied zwischen einem Korsaren und einem Piraten. Ersterer ist der legale Seeräuber, Letzterer der abgefallene Freiberufler - und alle, sei es im Na men der spanischen Krone oder im eigenen türkischen oder arabischen Antrieb - trieben ihr Unwesen mit den Mallorquinern. Über Lluc Alcari, einem malerischen ehemaligen Fischerdorf, vorbei an wunderschön renovierten alten Gehöften führte uns der Weg zurück nach Port de Soller.

Am 6.2. stand die Umrundung des Berges „Tossals Verds" an. Der Bus brachte uns zum Cuber- Stausee, von dort aus nahmen wir einen steilen Aufstieg zum Pass ins Tal „Coma dels Ases" mit einer gut versicherten steilen Schlüsselstelle in karstigem Kalkgestein unter die Bergstiefel. Bei herrlichem Sonnenschein erreichten wir die Berghütte „Tossals Verds", wo uns ein hervorragender landesüblicher Mittagstisch, nämlich „Arros brut" = Reistopf mit Safran, Schweine-, Hühner- und Kaninchenfleisch und Gemüse erwartete. Der Nachtisch in Form von blätterteigähnlichem Hefekuchen mit Kürbismarmelade ging auch weg wie warme Semmeln! Gut gelaunt machten wir uns auf den Streckenrest. Bei schräg stehender Nachmittagssonne erreichten wir zauberhafte Mandelbaumhaine, in deren Licht und Schatten, Duft und Blütenschimmer wir geradezu begeistert eintauchten. Der Bus brachte die Schwärmer zurück ins Hotel. Abends wurde in der Bar zu den Klängen eines Alleinunterhalters geschwoft, die allein reisenden Damen bewiesen Frauenpower!

Am 7.2. wurde der noch fehlende Gipfel des l'Ofre, 1096 m, angegangen.Vom Pass Col de l'Ofre stiegen wir über den Col dels Cards auf gutem Weg, kurz vor dem Gipfel steil zum l'Ofre auf und wurden mit einem grandiosen Panoramablick auf das Massiv des Puig Major und die darunter liegenden blauäugigen Stauseen Cuber und Gorg Blau belohnt, im Norden das Massanella-Massiv, nach Westen die Ebene von Soller und Port de Soller unter uns - Freude am Schauen dieser schönen Welt war angesagt! Beim Hinuntersteigen fiel der Blick immer wieder in das unter uns liegende Tal mit der Schlucht von Biniaraix. An Ginster-, Johanniskraut- und blühenden blauen Rosmarinbüschen, Mastix leuchtendgrüngelben Wolfsmilchstauden und Teppichen von einjährigen Gänseblümchen vorbei erreichten wir die Finca l'Ofre, von wo aus wir in die Barranc = Schlucht de Biniaraix einstiegen. Über uns gewaltige steile Kalkwände, vor uns der uralte Pilgerpfad und die ihn säumen den z.T. aufgegebenen Olivenbaumkulturen. In der langen Klamm lagen ca. 1.500 Treppenstufen vor uns - es tanzte bald so manche Patella! Für durstige Wanderer und Pilger ragte hier und da ein Wasserhahn aus den Mauern, der Torrent de Barranc ermöglicht diese Labsal. Der Cami d'es Barranc führt am Rande des Sollertales entlang, links leuchtet der Swimmingpool des Gutes Ca'n Ribera, darüber und drum herum die einzigartige jahrhundertealte Terrassenkultur-Landschaft im Nachmittagssonnenschein. In Biniaraix angekommen, nahmen wir wir den Weg durch duftende Orangenplantagen vorbei an hübschen Landhäusern, Avocadobäumen, Bananenanpflanzungen und kanarischen Dattelpalmen zurück nach Soller, wo wir in die romantische alte Ratter-Straßenbahn einstiegen, die uns nach Port de Soller zurückbrachte. Im Hotel hieß es Abschied nehmen von Aina Maria - auf Wiedersehen heißt auf Katalanisch adeu!


Am 8.2. - dem Rückreisetag bescherte uns eine Rückflugverzögerung noch einen halben Tag, den wir gerne nutzten, indem wir nochmals mit dem Straßenbähnle nach Soller fuhren, um uns die kleine Kathedrale und diverse Bodegas und Bistros auf dem Marktplatz gründlich von innen anzuschauen.Mandelkuchen, Souvenirs, Ansichtskarten wurden erworben, um diese herrlichen Wandertage abzurunden. Die Wandergruppe - ein dank der klugen und umsichtigen Leitung durch ihre Wanderführer Waltraud und Rudi Fuchs fröhlicher, zufriedener und unversehrter Mallorca-Fanclub - war sich einig und stellte dankbar fest, dass manche(r) zwar das erste, aber alle nicht das letzte Mal auf Mallorca gewandert sind.
Text: Hanni Hinsche