Wanderwoche in Finnisch Lappland
16.-25. September 2005

Führung: Waldtraud und Rudolf Fuchs
           Anna-Maija und Pentti Nykänen
Tagebuch von Hanni Hinsche
Freitag, 16.9. - Flug Finnair AY6902 Stuttgart-Helsinki, Ankunft 14 h Ortszeit, an Bord 34 Mitglieder des Schwarzwaldvereins Weil der Stadt. Es wartete bereits ein Bus für die anschließende Stadtrundfahrt Helsinki, denn - Wanderer, kommst du in den fremden Norden, ein bisschen Kultur vor der großen Natur muss schon sein. Hier also der Reihe nach einige interessante Informationen über Helsinki und Finnland oder SUOMI, das Land der mehr als zigtausend Seen.

Erster Eindruck: Sonnenschein - viele leuchtendweiße Birkenstämme, Weite, Klarheit, Licht, Helle. HELSINKI/HELSINGFORS = die WEIßE STADT IM HOHEN NORDEN empfing uns freundlich. Helsinki ist 455 J. alt und löste 1812 die älteste Stadt TURKU als Hauptstadt ab. Finnland war ca. 650 Jahre schwedisch vom 12. Jh.- 1809, danach 110 Jahre russisch bis 1917. Die Finnen sagen: Zar Alexander II. war gut, unter Nikolaus I.+II. waren die Zeiten schlecht. Am 6.12.1917 erklärten sie ihre Souveränität. Finnland ist seit 1995 EU-Mitglied, aber gegen einen NATO-Eintritt. Zeitverschiebung 1 Std., deshalb war Finnland 1 Std. eher EURO-Land als die gesamte EU. Insgesamt 5,13 Mio. Einwohner, in Helsinki etwa 600.000.

Finnland ist 2-sprachig: 94 % sprechen Finnisch, 6 % Schwedisch, alle Straßen sind mit KATU/GATAN benannt. Im Hafen liegen im Winter 9 Eisbrecher für die 23 Häfen Finnlands bereit. Sie arbeiten nach dem
Hau-Ruck-Prinzip: DRAUF - RUNTERDRÜCKEN - EIS KAPUTT! In ihrem Inneren befinden sich riesige Wassertanks, die hydraulisch von Steuerbord nach Backbord geschwenkt werden, und zwar SISU, wie der Finne sagt. SISU meint stures Dran-, Drauf- und Durchdrücken; durch fast nichts zu beirren - Durchhalten, komme was da wolle.

Die drei wichtigsten Wahrzeichen Helsinkis sind die HAFIS-AMANDA, der protestantische DOM und die FELSENKIRCHE. In der Nähe des Hafens steht jene jugendliche HAFIS-AMANDA, ein näcketes Mädle, das seinen Allerwertesten in Richtung Café SASSO streckt. Früher war hier eine Apotheke, deren spendendenunwilliger Besitzer dafür vom Künstler derart bestraft wurde, dass er ihm dann eben die Kehrseite der jungen Dame vor die Nase setzte. HAFIS-AMANDA ist der standbildliche Ausdruck finnischen Lebensgefühls. Alljährlich am 30. April ab 18 Uhr setzen alle Finnen ihr Sommergesicht auf und stürzen sich ins von nun an „nur noch sonnige Leben". Egal, wie das Wetter in der hellen Jahreszeit auch sei, geschlafen wird erst wieder im Winter. Der Weihnachtsmann ist JOULU PUKKI. Er fragt die Kinder nicht, ob sie brav, sondern ob sie das Jahr über in der Sauna gewesen sind und sich gewaschen haben.

Die prächtige orthodoxe USBENSKI-Kathedrale am Hafen ist die größte ihrer Art in Westeuropa. Wir fuhren dann zum Senatsplatz, bau-stilistisch einer der einheitlichsten Plätze von Europa. Er wurde Anfang des 19. Jh. vom deutschen Baumeister Karl-Ludwig Engel im neo-klassizistischen Stil umbaut. Dort stehen das Senatsgebäude, der DOM mit den Sternen-Zwiebeltürmen (Zar Alexander II. wollte das so, den Protestanten zum Trotz) und die Universitäts-Bibliothek, deren entzückendes Jugendstil-Ambiente den Studenten Helsinkis eine ungeheure Auswahl an Büchern bietet. In der Mitte des Senatsplatzes befindet sich das Standbild Alexanders II.

Die Finnen haben einen hohen Lebensstandard, ein großzügiges Sozialsystem, keine Krankenkassenbeiträge - dafür 22 % MwSt.! Vom Einkommen zahlt jeder Finne 25 % Steuer, worüber die Sozialkosten komplett finanziert werden. Zurzeit ist eine Frau Finnlands Staatsoberhaupt, Staatspräsidentin HANONEN. Sie zahlt als Einzige keine Steuern. Ob Angie das je hinkriegt?
Helsinkis Prachtboulevard ist die Mannerheimstraße. Finnlands bedeutendster Mann war Carl Gustav Freiherr von MANNERHEIM. Er lebte 1867-1951, war als Oberbefehlshaber des finnischen Weißen Schutzcorps den bolschewistischen Aufstand von 1918 nieder, war Regent von Finnland 1918/1919 und Staatspräsident von 1944-1946. Auf dem Mannerheimboulevard befindet sich die Statue des finnischen Dichters und Verfassers der Nationalhymne, Johan Ludwig RUNEBERG, 1804-1877. An der schönen Hafenpromenade entlang fuhren wir zum Olympiastadion (42.000 Sitzpl.). Davor steht die Statue des legendären PAAVO NURMI mit seiner Stoppuhr in der Hand. Nationalsport ist Eishockey. Ein Volksfest ist fällig, wenn Finnland Schweden schlägt!
Nationalkomponist ist JEAN SIBELIUS, 1865-1957. Er komponierte seine sinfonische Dichtung „FINLANDIA" 1899/1900 als Huldigung an die finnische Natur, ihre unendlichen Wälder und Weiten. Sein Denkmal steht in einem Park in der Nähe des Hafens. Es wurde zum 10. Todestag von Sibelius 1967 von der Künstlerin EILA HILTUNEN in Form unterschiedlich langer Metall-Röhren geschaffen, die wie hohle Baumstämme aussehen, an den finnischen Wald erinnern und bei Windeinfall zu tönen beginnen. Die FELSENKIRCHE wurde 1960 erbaut. Sie hat eine Innenkuppel aus 22 km eng zu gigantischer Rundung gerolltem Kupferdraht - eine eindrucksvolle optische Vortäuschung von enormer Höhe bei effektiv nur - 13 m! Gesamteindruck: Die ungewöhnliche Kombination von Natur (Felsen/Licht) und Kunst (Glas-/Kupferkuppel) ergab eine beeindruckende architektonische Meisterleistung.

Noch ein paar Worte zur finnischen Sprache, etwas ganz Außergewöhnliches in Europa. Finnisch gehört zur uralischen Sprachgruppe. Ein Teil der Nord-Völkerwanderer im 1. nachchristlichen Jh. blieb in Ungarn hängen, der nächste in Estland, den Rest verschlug's nach Finnland. Daher gewisse Ähnlichkeiten dieser Sprachen miteinander. Es gibt 15 - in Worten fünfzehn! - Fälle, Deutsch hat „bloß" vier. An Verb oder Substantiv hängt
man „einfach" Endungen an, die dann das Personal- oder Possessivpronomen ersetzen. Ob 1. od. 2. Person Singular bzw. Plural, man sieht oder hört an der jeweiligen Endung des Tätigkeits- oder Hauptwortes z.B., wo wer mit wem womit wohin wann was getan hat - verstanden? Schwäbischer Reisebus-Lacher war das Wort AUTOLLE, was 'zum Auto hin' heißt. BUSSIKUSKI = Busfahrer, ILLALLASILLALLA = ein Abend auf der Brücke, MUNKKI YKSI KAHVI = Berliner, ein Kaffee. Dann erst die phonetischen Ähnlichkeiten: TULI = Feuer, TULLI = Zoll, TUULI = Wind!

Abends im SOKOS-Hotel kamen ANA-MAJA und PENTTI, die finnischen Freunde von Rudi und Traudl Fuchs zur Gruppe hinzu - unsere dolmetschenden Reise-Begleiter und möglichen Erretter aus eventuell unmöglichen Sprachsituationen.

Am Samstag, 17.9. - blitzblankes Wetter - strahlender Himmel - Freizeit bis zum Mittag. Jeder erkundete noch einmal für sich die nähere Umgebung Helsinkis oder das Hafengelände, machte z.B. eine Schären-Rundfahrt oder eine Überfahrt nach Suomenlinna, Welt-UNESCO-Kulturerbe. Die Insel, auch das Gibraltar des hohen Nordens genannt, birgt in sich die verdichtete Geschichte Finnlands. Unter den Zaren war die Festung russische Garnison.
Kriege um Suomenlinna: 1808-1809 Russen - Schweden. SUOMENLINNA/Finnland wurde von Russland erobert. 1855 Krimkrieg - Engländer und Franzosen bombardierten die Festung, um Russland im Norden zu
ärgern. Neben dem Innenhof der Festung befand sich das ehemals größte Trockendock Europas. Im Zweiten Weltkrieg war dort Finnlands U-Bootflotte stationiert. Seit 5 Jahren schult hier die See-Akademie der finn. Marine ihren Nachwuchs, kürzlich wurden auch Frauen zugelassen. Im Besucher-Zentrum befinden sich unter den Info-Tafeln kleine Schaukästen für Kinder, wo sie die vereinfacht dargestellte Geschichte der Insel anschauen können. Selbstverständlich hängen mehr Väter unten an den Peep-Löchern bei den Kids als oben an den Info-Tafeln. Am Nachmittag Weiterflug nach IVALO/Finnisch Lappland mit Finnair AY467 - gute Sicht
über Helsinki und die dem Hafen vorgelagerten unzähligen Schären. Weiter nördl. endlose Ketten von zahllosen großen und kleinen Seen und unendlichen Wäldern. Ein ruhiger, schöner Flug. Die Wälder verschmolzen, je nördlicher wir flogen, zu einem wunderbaren grünen Teppich mit goldenen Tupfen von den gelb verfärbten, regelmäßig verstreuten Birkenbäumen. Landung in IVALO ca.19 Uhr. Fahrt nach SAARISELKÄ, etwa 45 km südl. von Ivalo. Im letzten Tageslicht erste Eindrücke, was mit RUSKA, dem samischen Herbstzauber gemeint ist. Seitlich der Straße Rentiere im Abendlicht. Nach 34 km ging's auf Naturpiste in Richtung Fjällzentrum KIILOPÄÄ.

Ankunft und Unterbringung im Hotel-Haus NIILANPÄÄ, wie „KIILOPÄÄ" ein Gipfelname aus den nahen TUNTURIS, das sind kahle Tundra-Berghügel über der Waldgrenze, die hier bei 450 m liegt. Schwedisch bedeutet Tunturi = Fjäll. Das TUNTURIKESKUS = Fjällzentrum KIILOPÄÄ ist die Pforte zum Nationalpark URHO KEKKONEN. Es hält für seine Gäste behagliche Unterkünfte im lappländischen Stil bereit. Herzhafte Mahlzeiten, geführte Wanderungen im Frühjahr/Herbst oder Winter, Eislochbäder, entspannende echte Rauchsauna gehören zum Angebot. Direkt vor der Hoteltür beginnen die Wander- und Skirouten. In der näheren Umgebung gibt es rund 200 km gespurte Loipen, ein Teil davon sogar beleuchtet in der Polarnacht. Im Haus NIILANPÄÄ: jedes Zimmer warm, rustikal, heimelig-holzig, nordisch, mit Wasserkocher für den Wandertee. Schweißkocher, d.h. Saunen, gab es deren drei, weibl., männl., rauchig: hier „badeanzüglich!" für alle zusammen. Die Rauch-Version war die angenehmste, weil mit 80° C nicht so heiß für ungeübte Kreisläufe. Ganz mutige Sauna-Profis konnten sich hier im kalten Wasser des nahebei liegenden Teichs kopfunter abkühlen, um für einen kleinen Moment sichtbar erschlankt und atemlos wieder auf- bzw. danach eilends in die Sauna-Wärme einzutauchen.
20 Uhr Abendessen im Haupthaus und Begrüßung durch MAURI VIRPKARI, unseren Guide für die Wandertage, ein ruhiger, sympathischer polyglotter Same.

Sonntag, 18.9. morgens +1° C, Wind, kalt!!! Trotzdem zweites warmes TERVETULOA = Willkommen durch Mauri und die stramme Anita, seine „Führungs-Assistentin" mit Sammlerfunktion am Ende der nunmehr 38-köpfigen (Fam. Kappich war inzwischen mit Wohnmobil und gutem Württ. Weinsortiment aus der noch nördlicheren Wildnis nomadisierend zu uns gestoßen) mal mehr, mal weniger langen Wanderschlange. In diesen riesigen weglosen Weiten sollen bei aufkommendem Nebel schon Leute verloren gegangen sein. Die erste Wanderung führte uns durch das schöne Holztor mit der Aufschrift URHO KEKKONEN-ANSALLISPUISTO Nationalpark aufwärts in Richtung Kiilopää-Gipfel, 546 m. Gut angelegte Wegführung, großteils wegen des moorigen Bodens über Holzstege oder -treppen hinauf. Anfangs standen noch grüne Föhren und Fichten, zerzaust, windgebeugt und wettergegerbt - eindeutig klimatische Kampfzone. Etwas höher ließ der Baumbestand nach, Wind und Regen nahmen zu - mitgeführter Nässe- und Kälteschutz wurde aktiviert. Es ging zügig weiter aufwärts in Richtung eines Totempfahls, der anlässlich eines weltweiten Pfadfinder-Jamboree 1970 dort aufgestellt worden war. Auf der Höhe erinnerten etliche Steinmanderln daran, dass Trolle, die es angeblich faustdick hinter den Ohren haben sollen, nicht nur darin hausen. Sondern sie erfüllen dir, wenn du fest an sie glaubst, nach dreimaliger Umrundung ihres Manderls einen Wunsch!

Der Wind wehte uns heftig um die Nasen, es regnete weiter beim Abstieg durch die Tundra. Herrliche Moose und Flechten auf den Steinen in verschiedenen Farben ließen Herbstschönheit ahnen. Nach ca. 1 ½ Std. weglosem Abstieg durch weiches Gelände erreichten wir die Schutzhütte LUULAMPI, in deren Zentrum ein offenes Feuer dazu einlud, die nassen Jacken, Mützen, Handschuhe zum Trocknen und uns selbst zur fälligen Mittagspause aus der mitgebrachten Vespertüte abzuhängen. Nach der Rast ging's dann bergauf zurück auf die Höhe und auf guten Wegen sanft bergab zurück ins TUNTURIKESKUS KIILOPÄÄ. Anschließend waren die Saunen voll. Nach dem Abendessen hielt der Wirt uns einen interessanten Dia-Vortrag über Goldfunde in dieser
Gegend Lapplands. Das war schon ein hartes Leben zu extremen Bedingungen für alle Glücksritter, die es weder vor Goldrausch noch vor gefräßigen Bären grauste.
Hier gehts weiter